Pfartfinder-Spuren sind gelegt

Ehrgeiziges Kunstprojekt lädt jetzt und noch bis Ende September zum Staunen und Umdenken ein

Von Sigrid Quäker
Stade. Das Rathaus-Glockenspiel geht anders, verwandelt zeigen sich gewohnte Perspektiven, Straßenstrukturen werden ins Kraut schießen... "Herrgott, das würde man schon gerne noch einmal erleben wollen!" hat die Münchner Text-Künstlerin Gisela Müller auf eines ihrer Spruchbänder geschrieben. Wer mit wachen Sinnen auf "Pffinder"-Spuren durch Stade wandelt, kann es erleben - und etliches mehr - jetzt und noch bis zum 27. September.


Seit Montag hat sich die alte Seminarturnhalle in ein Symposium verwandelt, in dem Kunstschaffende sich noch bis Sonnabend zum Arbeiten, Ausruhen und Reden treffen und Interessierte willkommen sind. Anschließend wird die Halle als Ausstellungsraum und Treffpunkt für Führungen der zentrale Ort des von der Stadt Stade veranstalteten Ausstellungsprojektes "Pfartfinder" bleiben. Das eigentliche erstreckt sich aber im öffentlichen Raum vom Johanniskloster bis zum Altländer Viertel, vom Sande bis zum Fischmarkt, von der Hansebrücke bis zur Burgbastion.
Wie schon berichtet, konnte Kulturfachbereichsleiter Dr. Andreas Schäfer für das ehrgeizige Projekt elf renommierte Künstlerinnen und Künstler gewinnen. Einmal mehr sollen sie Stade nach Schäfers Worten "von der kulturellen Hinterbank ins Zentrum gegenwärtiger Kunst befördern".


Alle beteiligten Künstlerinnen und Künstler haben sich lange auf ihr Arbeiten in Stade vorbereitet und steuern nun ortsbezogene Skulpturen bei, die überraschend und provozierend zur Auseinandersetzung mit gewohnten Sichtweisen einladen.
Zum Beispiel Klaus Simon aus Krefeld, der mit bedruckten Stoffbahnen die Fußgängerbrücke unter der Hansebrücke bespielt und den Blick auf die in Verkehrslärm und Beton eingebundenen Wellenschanzen der Skater lenkt. "Seht her", sagt der 60-jährige Künstler aus Krefeld, "die Skater sind tolle Kinder und der Ort ist schön".
Zum Beispiel Matthäus Thoma (48) aus Berlin, der die stille, am Wasser gelegene Plattform an der Straße Am Backeltrog mit einem nach seinen Worten "üppigen, lauten, barocken" Gebilde aus kreuz und quer zusammengezimmerten rohen Holzlatten belegt.
Einen "archäologischen Traum" verwirklicht Doris Halfmann (48) aus Düsseldorf auf der Burgbastion-Terrasse über der Hansestraße: Ein aus Tauen geknüpftes, zwischen Gerüststangen aufgehängtes Stader Straßennetz soll in den nächsten Wochen von Bohnenkraut überwuchert werden.
Schwergewicht und Schnelligkeit verwandelt Mathias Lanfer (47) aus Düsseldorf - er ist neben dem Stader Künstler Matthias Weber auch Kurator des Pfartfinder-Projekts - in einem zwei Tonnen schweren Stahlprojekt am Sande und einer Videoarbeit im Schleusenhaus in Leichtigkeit und Langsamkeit.
Nicht sichtbar, sondern hörbar ist die "Skulptur" des 33-jährigen Künstlers aus Berlin, der seinen Namen hinter dem Pseudonym ssmidd'09 verbirgt: Er hat das Rathaus-Glockenspiel vorübergehend umprogrammiert - seine Melodien erklingen statt der vertrauten Weisen. Umdenken ist schließlich die Pfartfinder-Devise.

Pfartfinder im Überblick

„Lokale Utopien“ ist die Performance aus Texten und Tönen von Gisela Müller überschrieben, die am Donnerstag um 20 Uhr in der Seminarturnhalle beginnt. Dort wird die Ausstellung am Sonnabend, 13. Juni, um 16 Uhr von Bürgermeister Andreas Rieckhoff eröffnet. Nach einer Begehung der Werke im Stadtraum fängt um 18.30 Uhr am gleichen Ort eine Podiumsdiskussion mit Künstlern, der Kunsthistorikerin Dorothea Leicht (Hamburg) und dem Kunsthistoriker Dr. Dirk Toelke (Aachen) an. Führungen beginnen in der Turnhalle jeden Sonnabend um 15 Uhr. Öffnungszeiten: Freitags 16 bis 20 Uhr sonnabends 12 bis 18, sonntags 11 bis 17 Uhr.

11.06.2009 Stader Tageblatt



Mit Kurator auf Pfartfinder-Spur

Führungen durch Stade

Stade (q). In zwei Führungen wollen die beiden Kuratoren des Stader Pfartfinder-Projekts erklären, mit welchen Mitteln und Strategien die elf beteiligten Künstlerinnen und Künstler mit ihren Arbeiten im Stadtraum auf Stade reagiert haben. Die erste Führung am Sonnabend, 27. Juni, ab 15 Uhr übernimmt der Stader Maler Matthias Weber, die zweite, sie beginnt am Mittwoch, 1. Juli, um 19 Uhr, teilt er sich mit Ko-Kurator Mathias Lanfer. Treffpunkt ist jeweils die Seminarturnhalle in der Seminarstraße. Die Teilnahme kostet 5 Euro. Das Pfartfinder-Projekt dauert bis zum 27. September. Das TAGEBLATT wird Kunst und Künstler noch in loser Folge vorstellen.

26.06.2009 Stader Tageblatt



Stade wird mit Kunst belebt

Skulpturenprojekt "Pffinder" kurz vor Eröffnung - Einladung in die Seminarturnhalle

Stade (coq). Ein spannendes Kunstprojekt steht in Stade bevor: "Pfartfinder", bei dem elf auch international bekannte Künstlerinnen und Künstler in Stade zusammenarbeiten und der Öffentlichkeit dann ab Sonnabend, 13. Juni, die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren werden - an öffentlichen Plätzen auf einem Kunstpfad durch die Stadt.

Ab kommenden Montag, 8. Juni, sind alle Beteiligten in der Seminarturnhalle sowie an den Plätzen aktiv, an denen ihre Objekte dann bis Ende September stehen sollen. Die Künstlerinnen und Künstler setzen sich schon seit Anfang des Jahres mit den für Stade entstehenden Objekten auseinander. Jetzt geht das Vorhaben - nicht zuletzt auch bei gemeinsamen Arbeitsprozessen in der Seminarturnhalle - in die Endphase.
An dem Projekt beteiligt sind Doris Halfmann, Christian Klatt, Hermann Kleinknecht, Matthias Lanfert, Simone Lanzenstiel, Gisela Müller, Klaus Simon, Matthäus Thoma, ein unter dem Namen "Ssmidd 09" agierender Künstler und das Stader Künstlerduo Weber + Weber.
An verschiedenen Plätzen in der Stadt werden Interessierte sich mit ihren Werken auseinandersetzen können - etwa am Schwedenspeicher, an der Burgbastion, beim Johanniskloster, am Backeltrog, am Rathaus, im Altländer Viertel, am Pferdemarkt, am Sande und beim Schleusenhaus des Kunstvereins und an der Hansebrücke.
Schon während der letzten Vorbereitungstage sind Neugierige den Künstlern willkommen: Am Mittwoch, 10. Juni, gibt es von 16 bis 18 Uhr ein offenes Atelier in der Seminarturnhalle. Ein anders gearteter Eindruck lässt sich am Donnerstag, 11. Juni, ab 20 Uhr bei Text und Tönen von Gisela Müller gewinnen, die das Skulpturenprojekt mit Literaturperformances bereichern will und schon einmal Einblicke ermöglicht.
Offizielle Eröffnung der Ausstellung ist dann am Sonnabend, 13. Juni, um 16 Uhr in der Seminarturnhalle zusammen mit Bürgermeister Andreas Rieckhof. Von dort aus machen sich alle Gäste gemeinsam auf den Skulpturenpfad durch die Stadt, ehe sie unter Leitung der Hamburger Kunsthistorikerin Dorothea Leicht und des Aachener Kunsthistorikers Dr. Dirk Toelke zusammen mit allen beteiligten Künstlern bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion erste Bewertungen des Projektes vornehmen wollen.
Im Rahmen des Projektes sind mehrere öffentliche Führungen geplant; über die Termine wird noch informiert. Ausgestellt sind die "Pfartfinder"-Objekte im Stader Stadtgebiet dann bis zum 27. September.

04.06.2009 Stader Tageblatt



Auf Kunstpfad durch die Stadt

Projekt befasst sich mit Stade als Teil der Metropolregion

Stade (q). Stade soll sich als kleine Stadt mit großer Kunst etablieren. Als solche im Gespräch bleiben soll sie auch nach Jörg Immendorff und vor August Macke im Stader Kunsthaus: Mit dem Projekt "Pfart-Finder", an dessen Realisierung Dr. Andreas Schäfer, Matthias Weber und eine Gruppe junger Künstlerinnen und Künstler mit Elan arbeiten.


Andreas Schäfer, im Stader Rathaus Fachbereichsleiter unter anderem für Kultur, und der Stader Maler Matthias Weber knüpfen zwar an das vor zwei Jahren von dem Künstler Arno Schmetjen organisierte Projekt "Skulpturenpfad" an, im Gegensatz aber wollen sie die Stadt nicht beliebig mit Kunst "möblieren". Vielmehr streben sie "eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Situation Stades als vitales, wachsendes und aufstrebendes Mittelzentrum in der Metropolregion Hamburg" an. Für das Konzept und die Gestaltung haben sie als Dritten im Bunde einen auswärtigen Künster, nämlich Mathias Lanfer aus dem nordrhein-westfälischen Heiligenhaus ins Boot geholt. Er beschäftigt sich vornehmlich mit Skulptur unter dem Aspekt von Technologie, Ästhetik und Vergänglichkeit.


Beauftragt sind sieben Künstlerinnen und Künstler der deutschen Kunstszene - mit dabei das Duo Weber & Weber, also Matthias Weber mit seinem gleichnamigen Neffen - , gezielt für ausgewählte Orte mit heimischen Materialien zu arbeiten. "Pfart-Finder" wird sich so in Ottenbeck, im Altländer Viertel, an der Hansebrücke und an Orten in der Stader Innenstadt mit Skulptur und Plastik, Installation und Performance oder multimedial präsentieren. Und zwar voraussichtlich von Anfang Juni bis Ende September ( die Immendorff-Ausstellung im Kunsthaus läuft bis zum 10. Mai, die Ausstellung mit Werken August Mackes soll Ende August eröffnet werden).
Dreh- und Angelpunkt des Projekts wird die historische Turnhalle in der Seminarstraße. Sie wird Treffpunkt und Werkstatt für die Künstler und im Rahmen eines Symposiums mit Workshops und einer Podiumsdiskussion Ort der Begegnung und Auseinandersetzung für Bürgerinnen und Bürgern.
Öffentliche Führungen sollen über die Stade Tourismus GmbH angeboten werden. Es soll einen Flyer und später auch einen Katalog geben.
Offizieller Träger von "Pfart-Finder" ist die Stadt Stade. Nach Schäfers Worten soll mit dem Kunstprojekt das Stader Jubiläumsjahr - 800 Jahre Stadt-, 750 Jahre Stapelrecht - zusätzlich bereichert werden. Finanziert wird "Pfart-Finder" von der Stadt - sie beteiligt sich mit 25 Prozent - und von Sponsoren, im Wesentlichen von der Volksbank, den Stadtwerken, den Elbe Kliniken, der Wohnstätte und den in Stade ansässigen Unternehmen NDB und Hörmann, Stähler Chemie und BauBeCon.
Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler waren schon mehrmals in Stade und stehen mit Schäfer und Weber im regen Austausch. Im April wird das TAGEBLATT sie und ihre Arbeit für Stade in loser Folge vorstellen. Ab demnächst soll das Projekt auch im Internet präsentiert werden.

29.01.2009 Stader Tageblatt



"pfARTfinder": Skulpturen zum Teil zerstört

Wie gehen die Stader mit Kunst um? Das fragten sich elf nationale und internationale Künstler, als sie ihre Werke am 13. Juni in der Stader Innenstadt aufstellten.

Stade. - 20 Skulpturen sind in dem Projekt "pfaARTfinder" zu sehen. Das Fazit fällt unterschiedlich aus. Während die weißen Tafeln von Simone Lanzenstiel in der Innenstadt bemalt wurden, so wie es die Künstlerin gedacht hatte, wurde der Aufsteller im Altländer Viertel wenige Stunden nach dem Aufbauen zur Torwand umfunktioniert.

Enttäuschend fällt die Bilanz für Klaus Simon aus. Er hängte sechs Banner an der Unterführung der Hansebrücke zum Bahnhof auf. Sein Werk "Druck aushalten" wurde am vergangenen Wochenende teilweise zerstört. Drei Banner wurden abgerissen, die anderen landeten im Burggraben, so Andreas Schäfer, Organisator des "pfARTfinder"-Projekts. Nun erstellt Simon neue Fahnen und hängt sie in der Seminarturnhalle (Seminarstraße) auf.

Dort beginnen auch die Führungen auf dem Pfad der Skulpturen jeden Sonnabend um 15 Uhr für fünf Euro.(nd)

Hamburger Abendblatt



Das Projekt „pfartfinder / Stade 09“

zeigt Skulpturen von elf internationale KünstlerInnen, die sichmit der städtebaulichen, historischen und strukturellen Situation Stades beschäftigt haben. Die Skulpturen von Künstlern wie Hermann KleinknechtoderDorisHalfmannstehen an verschiedenen Orten in der Stadt, wo genau steht unter www.pfartfinder.de. Bis zumEnde der Ausstellung am 27. September wird jeden Samstag eine Führung angeboten.

Treffpunkt: 15UhrSeminarturnhalle.

27./28.06.09 Die Tageszeitung Hamburg



Bürger sorgen für die Bohnen

Pfartfinder-Projekt: Installation zerstört - Archäologischer Traum gedeiht

Stade (q). Die Installation "Druck aushalten" nahe der Skateranlage unter der Hansebrücke wurde inzwischen zerstört, das Objekt am Sande wird immer wieder beschmiert, Beschriftungen der Kunstwerke lassen auf sich warten... Das am 13. Juni eröffnete Projekt Pfartfinder mit Arbeiten von elf Künstlern in der Stader Innenstadt und im Altländer Viertel setzt die Verantwortlichen erheblich unter Druck. Aber auch Positives erleben der städtische Kulturfachbereichsleiter Dr. Andreas Schäfer und die Kuratoren Matthias Weber und Mathias Lanfer. So betreuen Anwohner der Burgbastion oberhalb der Hansestraße das Objekt "Der archäologische Traum" von Doris Halfmann (siehe Foto): Sie halten ein wachsames Auge darauf und gießen bei Bedarf die aus einem Kübel sprießenden Bohnenpflanzen, die das aus Tauen nachgeknüpfte Stader Straßennetz überwuchern und letztendlich der Vergänglichkeit preisgeben sollen. Die Plattform an der Burgbastion, auf der außer dem Objekt auch Bänke stehen, ist ein beliebter Treffpunkt für Obdachlose und ältere, nahebei wohnende Bürger.
Gespannt beobachten sie die langsame Veränderung des Kunstwerks und kommen vielleicht auf den gleichen Gedanken wie die Künstlerin: Dass so, wie das Straßennetz aus Tauen, in ein paar Jahrtausenden alles überwuchert und vergessen sein könnte.
Die 1960 in Essen geborene Doris Halfmann hat an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Ulrich Rückriem und Günther Uecker studiert. Ihr Ansinnen, die Zeit sichtbar zu machen, basiert nicht auf der objektiv messbaren, sondern auf der subjektiv erlebbaren Zeitspanne. Sie realisiert diese Idee unter anderem mit Gleichgewichtskonstruktionen und verwitternden Grundrissen.

Das Pfartfinder-Projekt läuft noch bis zum 27. September. Öffentliche Führungen starten jeden Sonnabend um 15 Uhr in der Seminarturnhalle (Seminarstraße). Die Teilnahme kostet 5 Euro. Einzel- und Gruppenführungen können bei der Tourist-Information am Hafen, 0 41 41/ 40 91 70, gebucht werden. Das TAGEBLATT wird kontinuierlich über das Projekt informieren und die Objekte und ihre Künstler weiterhin in loser Folge vorstellen.

02.07.2009 Stader Tagesblatt



Bis September sind 20 Skulpturen zu sehen

Stades Innenstadt wird zur Bühne für moderne Kunst

Von Nina Dobratz 9. Juni 2009, 02:18 Uhr

Elf Kreative erstellen bis Sonnabend abstrakte und interaktive Werke. Dazu gibt es eine Ausstellung in einer Turnhalle.

Stade

Matthäus Thoma hat bis kommenden Sonnabend alle Hände voll zu tun. Schließlich will er bis dahin mehr als sechs Kubikmeter Holz zu einer sechs Meter breiten Skulptur verarbeiten. Die Holzlatten werden an der Straße "Am Backeltrog" über drei Ebenen zu der gleichnamigen Skulptur angeordnet.

Der Berliner Bildhauer ist einer von elf nationalen und internationalen Künstlern, die in einem sechstägigen Symposium Skulpturen in der Innenstadt anfertigen. Mittelpunkt der Kreativen ist die historische Seminarturnhalle. Von Sonnabend an verteilen sich insgesamt 20 Arbeiten in der Stader Innenstadt, zum Beispiel an der Burgbastion, an den Treppen am Fischmarkt und bei der Skateranlage unter der Hansebrücke sowie im Altländer Viertel. Dann können die Stader und ihre Besucher beim Projekt namens "pfARTfinder" Kunst im öffentlichen Raum erleben.

Allerdings erwartet den Betrachter keine Skulpturen im klassischen Sinne, warnt Kurator Matthias Weber: "Das sind aktuelle, aktive und abstrakte Arbeiten, die sich von dem herkömmlichen Skulpturen unterscheiden." Werke aus Bronze oder Stein gebe es nicht zu sehen.

Stattdessen gibt es eine Audioinstallation im Johannisklosterhof von Herman Kleinknecht, das die bestehende Skulptur des Mönches Abt Albert modifiziert. Am Bahnhof unter der Hansebrücke lässt Klaus Simon Jugendliche mit ihren Skateboards samt eingefärbten Rollen Wellen drucken.

Simone Lanzenstiel stellt an mehreren Orten weiße Wände auf, um Leerstellen und freie, offene Zonen zu schaffen. Die Malerin ist gespannt, ob sich nun Graffitisprayer auf ihren Wänden verewigen und will immer wieder darauf reagieren. Kurator Weber erstellt das Werk "Brücken- und Hallenheilige", bei dem drei Stader Orte einen Dialog ermöglichen sollen.
Den Dialog sucht er auch mit den Stadern: "Ich bin mir sicher, dass die Arbeiten einige Kritik auslösen werden und dass irgendwann die Grundsatzfrage aufkommt, ob das Kunst ist." Daher plant der Stader, interessierte Bürger bei Veranstaltungen regelmäßig durch die Werke zu führen.

Zudem sei das Projekt mittelbar und sei für jeden sichtbar, so der 51-Jährige: "Niemand muss in eine Ausstellung gehen. Es gibt keine Berührungsängste, die überwunden werden müssen."

Trotz der Moderne und Abstraktheit war es Weber und dem zweiten Projektleiter, Mathias Lanfer, wichtig, dass sich die Stader in der Kunst wiederfinden: "Wir wollten keine Beliebigkeit." Stattdessen würden Orte und Zusammenhänge der Stadt gezeigt, künstlerisch widergespiegelt und umgesetzt. "Die Künstler setzen sich mit Stade und dem Stadtbild auseinander", sagt Weber.

Die Kreativen gingen deshalb vor einigen Wochen durch die Hansestadt und suchten nach geeigneten Standorten für ihre Arbeiten. Den Ort konnten die Künstler beinahe frei wählen, nur das Ordnungsamt musste den Vorschlägen zustimmen.

Diese Hürde überwand Thoma zunächst nicht. Er wollte anfangs eine Skulptur auf dem Pferdemarkt aufstellen, was allerdings nicht genehmigt wurde. Der Bildhauer entschied sich dann für die Terrasse "Am Backeltrog": "Der Ort ist verwunschen und bei vielen Stadern unbekannt."

Außerdem reizt den 48-Jährigen, dass es dort drei Ebenen gibt. Beim Material entschied er sich einmal mehr für Holz. Er arbeitet ausschließlich mit dem Werkstoff. Ob das Resultat tatsächlich wie sein Modell aussehen wird, ist allerdings noch offen: "Meistens ändert sich beim Aufbau dann doch etwas."

Am Sonnabend, 13. Juni wird der Skulpturenpfad um 16 Uhr mit einem Festakt in der Seminarturnhalle (Seminarstraße) und anschließendem Rundgang auf dem "pfARTfinder"-Weg eröffnet. Bis zum 27. September sind die Werke, die von Stader 14 Sponsoren mitfinanziert wurden, zu sehen. In der Seminarturnhalle sind außerdem Modelle, Installationen und Skulpturen ausgestellt. Weitere Informationen über das Projekt gibt es ab sofort im Internet.

www.pfartfinder.de

9.06.09 Hamburger Abendblatt



Das Malen den Bürgern überlassen

Simone Lanzenstiels "Dialog mit einer Stadt" - Kunstwerke nun auch beschriftet

Stade (q). Die Bohnen, die den "archäologischen Traum" auf der Burgbastion überwuchern sollen, kann man mit ausreichender Geduld wachsen sehen. Die bis vorgestern noch fehlenden Beschriftungen an den Kunstwerken sind endlich angebracht. Rund 30 Stadtführerinnen und Stadtführer können jetzt bestens eingeweiht vom Pfartfinder-Projekt der Stadt Stade erzählen. Bürgerinnen und Bürger freunden sich zunehmend mit den noch bis Ende September vielerorts das Stadtbild belebenden Installationen an. Über lebendige Resonanz freuen sich der städtische Kulturfachbereichsleiter Dr. Andreas Schäfer und die Kuratoren Matthias Weber und Mathias Lanfer.


Während von der zerstörten Installation "Druck aushalten" nahe der Skateranlage unter der Hansebrücke nichts mehr zu erkennen ist, ist von einer der drei Stellwände, die die Münchner Künstlerin Simone Lanzenstiel unter dem Motto "Dialog mit einer Stadt" aufgestellt hat, nur der Rahmen übrig geblieben. Schon nach wenigen Stunden sei die Wand am Bolzplatz im Altländer Viertel demoliert gewesen, berichtet Schäfer. Der Rahmen wird nun als Fußballtor genutzt, was - sehr wohlwollend - auch als kreativer Umgang mit zeitgenössischer Kunst gewertet werden kann.
Ein erfreulicheres Schicksal ist den beiden Stellwänden Ecke Inselstraße/Neubourgstraße und am Schwedenspeicher vergönnt: Sie sind inzwischen mit einer bunten Vielfalt aus Formen, Farben und Botschaften überzogen.
Simone Lanzenstiel ist fasziniert von abstrakter Malerei und Farbe als Markierung, Irritation und Belebung von Städten. In Stade hat sie auf ihre eigene Malerei verzichtet, das Gestalten der Bildflächen den Bürgerinnen und Bürgern überlassen. Die ließen nicht lange auf sich warten: Als erstes, erzählt Schäfer, habe eine junge Frau ihren Kussmund auf die Wand am Schwedenspeicher gedrückt. Die Bützflether Bürgerinitiative gegen Kohlekraft habe gleich angefragt, ob sie sich einer Wand annehmen dürfe. Andere Kreativ-Aktivisten seien ganz spontan mit Leiter, Pinsel und Farben angerückt. Erfreulich ist auch, dass ein Hakenkreuz gleich wieder übermalt wurde.
Geblieben ist eine nur scheinbare Kompositionslosigkeit, die Simone Lanzenstiel "gefundene Malerei" nennt. "Kunst-Power" steht auf einer Wand. Mehr davon könnte Stade nicht schaden.
Das Pffinder-Projekt läuft noch bis zum 27. September. Öffentliche Führungen starten jeden Sonnabend um 15 Uhr in der Seminarturnhalle. Die Teilnahme kostet 5 Euro. Einzel- und Gruppenführungen können bei der Tourist-Information am Hafen, 0 41 41/ 40 91 40, gebucht werden. Das TAGEBLATT wird weiterhin über das Projekt und die Künstler informieren.

09.07.2009



PfARTfinder 2009

Wenn Künstler Fenster aufreißen, um die Gegenwart herbeizubitten.

Stade, lange Zeit im Hinterland der Metropole Hamburg schlummernd, hat sich durch außergewöhnliche Kunstprojekte mehr und mehr von der Kulturellen Hinterbank ins Zentrum gegenwärtiger Kunst befördert. Kunst, die sich der Gegenwart verpflichtet. Eine wichtige Erneuerungsquelle und Antriebskraft in der Postkartenidylle Stade.
Im Juni hat die Stadt ein Kunstprojekt gestartet, das ihren Ruf als Ort einer innovativen und aktiven Kulturszene Norddeutschlands weiter unterstreichen wird. "Pfartfinder Stade 09" heißt das Skulpturenprojekt, an dem elf nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler noch bis zum 27. September arbeiten und das den Blick auf Stade schärfen soll.
Es kommen Experimente mit Geschwindigkeiten, Materialien und deren Aggregatzuständen zur Anwendung. Das Korsett der Wahrnehmung wird durch Haupt- und Nebenwege durchbrochen. Gewohnheiten werden infrage gestellt, wenn beispielsweise das Glockenspiel des Rathauses akustisch verändert wird, um form und Inhalt wieder zusammenzubringen.

Magazin Metropolregion Hamburg



Stadaghana: Die Rückkehr der Wildnis

Ausflügler sagen ihre Meinung über die Nashörner im historischen Stader Hafen


Stade (q). Was schwimmt denn da im historischen Stader Hafenbecken? "Nashörner", stellt Julia Look (33) aus Fredenbeck fest. "Ich seh' mehr", sagt ihr Partner Norbert Pieczyk (50): "Die Rückkehr der Wildnis". Und spricht damit der Künstlerin Christiane Klatt ganz aus der Seele: "Bilder unseres kollektiven Gedächtnisses" will sie nämlich auch mit dieser Arbeit heraufbeschwören, das "Gestern im Jetzt" soll aufblitzen.
"Stadaghana" hat die 36-jährige Berliner Bildhauerin das Objekt aus Stahl, vulkanisiertem Naturkautschuk und Holz genannt, für das ihr im Rahmen des städtischen Kulturprojekts "Pfartfinder" mitten in der "guten Stube" Stades ein besonders attraktiver Ort zugestanden wurde. "Sehr gut" findet das Pieczyk.


"Kunst ist ja immer eine Bereicherung", zeigt sich auch Claus-Dieter Pohler (59) aus Delmenhorst einverstanden - obwohl er nicht sicher ist, ob es sich bei den Klatt'schen Tieren um Wildschweine oder Nashörner handelt und er eigentlich Skulpturen bevorzugt, bei denen man auf Anhieb erkennen kann, was sie darstellen. Gleichwohl: "Es kommen ja immer Leute, denen das gefällt", sagt Pohler.
Zu denen gehören auch Erika Schröder (66) und Frieda Wulf (73) aus Bremen. "Künstlerisch gut und witzig", lautet ihr Urteil, obwohl auch sie zunächst gerätselt haben, ob Schweine oder Nashörner gemeint sind. Was wiederum ganz im Sinne der Künstlerin ist: "Wenn wir sagen, das Äußere eines Nashorns sei einem anderen (Tier) ähnlich, so heißt das, dass gewisse Züge dieser zweiten Erscheinung in der ersten auftauchen, ohne dass das erste aufhört zu sein, was es ist."
Sein oder nicht sein ist bei Klatt also keine Frage. Ebenso wenig wie bei Gisela Müller: "Lokale Utopien - über das, was nicht ist", heißt ihr Pfartfinder-Beitrag aus Textbändern, die an etlichen Innenstadt-Orten zu finden sind. An der Hafenbecken-Einzäunung gleich oberhalb der Nashörner steht zum Beispiel: "Die Zuhause hätten vermutlich auch nichts dagegen. Eigentlich wäre es längst an der Zeit". Von Müller ist demnächst mehr zu lesen. Das Pffinder-Projekt läuft noch bis zum 27. September. Öffentliche Führungen starten jeden Sonnabend um 15 Uhr in der Seminarturnhalle. Die Teilnahme kostet 5 Euro. Einzel- und Gruppenführungen können bei der Tourist-Information am Hafen, 0 41 41/ 40 91 40 gebucht werden. Das TAGEBLATT informiert in loser Folge über das Projekt und die Künstler.



Neue Freiräume

Apropos Pfartfinder-Projekt (siehe oben): Die Künstlerin Simone Lanzenstiel hat auf ihren Stellwänden am Schwedenspeicher, an St. Cosmae und Ecke Neubourg-/Inselstraße neue Freiräume für kreative Bürgerinnen und Bürger geschaffen. Der "Dialog mit einer Stadt" - so der Titel ihres Pfartfinder-Beitrags - kann also weiter gehen.

16.07.2009



Was nicht ist und doch ganz wunderbar sein könnte

Die lokalen Utopien der Gisela Müller - 22 Textbänder im Stader Stadtraum - "Man würde davon noch zu erzählen haben"

Von Sigrid Quäker
Stade. Niemand, der oft oder auch nur gelegentlich mit auch nur einigermaßen wachen Augen durch Stade streift, kann das Pfartfinder-Projekt übersehen. Die Nashörner von Christiane Klatt im Alten Hafen, den "Archäologischen Traum" auf der Burgbastian von Doris Halfmann, den "Dialog mit einer Stadt" von Simone Lanzenstiel hat das TAGEBLATT schon näher vorgestellt. In der losen Serie gilt heute das Augenmerk den "lokalen Utopien" von Gisela Müller. Sie fällt schon deshalb aus dem Rahmen der beteiligten Künstlerinnen und Künstler, weil sie im engen Sinn nicht Künstlerin, sondern Schriftstellerin ist. Ein Großteil ihrer Texte allerdings ist nomadischer Natur - nicht an einem Ort zu halten also, immer auf der Suche nach neuen fruchtbaren Böden, Lebensadern, neuen Ruheplätzen. So setzt die 42-jährige, in München lebende Müller sie etwa in Performances ein, oder in einer "literarischen Stadtraumintervention" wie in Stade.
Mit Textbändern an 22 Standorten interveniert sie hier mit "lokalen Utopien" gegen das Gewohnte, das Selbstverständliche, das Erwartete. Intervenieren hat viele Bedeutungen: Sich einmischen, sich einschalten, dazwischenfahren, dazwischenfunken, dazwischentreten, protestieren, sich für etwas verwenden, vermitteln, hineinreden, sich eindrängen, für etwas ein Wort einlegen, Einspruch erheben. Alles das trifft auf die Texte zu. Nicht spektakulär, sondern auf sehr leise Weise subversiv. Das lässt sie anmutig erscheinen, erzählen umso eindringlicher von dem, was nicht ist, was sein oder werden könnte, aber auch gar nicht werden muss. Besinnlich meint das bayrische Dialektwort "stade". Als stade (auch staade) Zeit, erklärt Gisela Müller, werde die Winterzeit um Weihnachten und Neujahr bezeichnet, die Zeit der Einkehr und Stille. Für ihre sommerliche "Stade-Zeit" ist sie von der Skulptur des lesenden Mönchs im Johannis-Klosterhof ausgegangen. Was im Stadtraum jetzt von ihr präsent ist, entspricht nicht ihren ursprünglichen Ideen. Erinnerte Literatur - Gedicht- oder Liedzeilen, im Gedächtnis hängengebliebene Sätze wollte sie von Passantinnen und Passanten erbitten und in dieser oder jener Form öffentlich machen. Eine schöne Idee, die auch ohne sie jederzeit wieder aufgegriffen werden kann.
Gisela Müller ist letztendlich von einer eigenen Erzählung ausgegangen, von denen an den 22 Standorten jeweils nur Sätze oder kurze Textpassagen zu lesen sind. Sie alle haben ihre eigene Melodie, sind in sich schlüssig, wollen unbedingt weiter gedacht werden.
Die ganze Geschichte "über das, was nicht ist", beginnt an einem Bahnhof. Es könnte der von Stade sein - oder auch nicht. Auf jeden Fall hatte man "erfahren, dass es hier etwas zu sehen gäbe." Es gibt aber wohl nichts - oder doch? "Dann hieß es auf einmal, es gäbe überhaupt nichts zu sehen, es gäbe vielmehr etwas zu hören". Auf keinen Fall will man unverrichteter Dinge wieder abreißen, ganz umsonst dagewesen sein, irgend etwas will man doch erfahren, erleben, man will wach-, aufgerüttelt werden, irgendwie, nichts soll anschließend so sein wie es vorher war... "Man wäre bereit, sich vom Fleck weg verzaubern zu lassen, um ein anderer, eine andere zu werden. Ja, man wäre durchaus bereit. Man würde sogar dafür bezahlen. Man wäre bereit zu einer gebührlichen Verwandlung. Die zuhause hätten vermutlich auch nichts dagegen..."
Gisela Müller lässt alles Ersehnte so greifbar nahe erscheinen, und es ist doch Fata Morgana? Die Reise, die Gegend, Wind und Wolken... "Und man hätte von Zuhause erzählt, eventuell auch das Foto, das man bei sich trägt, gezeigt..."
Das eine oder andere geschieht dann doch. Oder es könnte geschehen sein. Auf jeden Fall: "Man war nicht umsonst gekommen". Und: "Man würde davon noch weiter zu erzählen haben". Die ganze Geschichte ist im Intenet nachzulesen.
Das Pfartfinder-Projekt läuft noch bis zum 27. September. Die nächste öffentliche Führung startet am Sonnabend um 11.30 Uhr an der Seminarturnhalle. Die Teilnahme kostet 5 Euro. Einzel- und Gruppenführungen können bei der Tourist-Information am Hafen, 0 41 41/ 40 91 40. gebucht werden. Das TAGEBLATT wird weiterhin über das Projekt und die Künstler informieren.

www.giselamueller.info
www.lokale-utopien.de

23.07.2009



Anarchischer Impuls

Viel Holz von Matthäus Thoma am Backeltrog

Von Sigrid Quäker
Stade. Matthäus Thoma gilt für sich selbst und andere als Bildhauer "durchaus im klassischen Sinn", wie es im Prospekt zum Stader Kunstprojekt "Pfartfinder" heißt. Thoma (48) aus Berlin hat die stille, am Wasser gelegene Plattform an der Straße am Backeltrog mit einem nach seinen Worten "üppigen, lauten, barocken" Gebilde aus kreuz und quer zusammengezimmerten rohen Holzlatten bespielt.
Verwundert beobachteten Passanten bei der Entstehung der Arbeit in den ersten Juni-Tagen, wie da zwei Männer (es waren der Künstler und ein Helfer) akribisch an einem sinn- und zwecklos erscheinenden Durcheinander werkelten. Wenig später beschwerte sich ein TAGEBLATT-Leserbriefschreiber über den schmutzigen Anblick nicht beseitigter Späne. Das fertige Werk des Bildhauers "im klassischen Sinn" fand seine Beachtung offenbar nicht. Schade.
Wer von der anderen Seite des Wassers, mit hilfreicher Distanz, auf die ausladende Skulpur blickt, erkennt - wenn er will - den gestalterischen Willen, Harmonie und Eleganz, das Barocke, Üppige also, von dem Thoma spricht. Doch gibt es auch einen ganz anderen Verständnisansatz: "Explosion, Dekonstruktion und Auflösung", einen "anarchischen Impuls, der sich gegen statische Verfestigung wehrt, gegen Endgültigkeit opponiert" sieht der Kunstprofessor und Kurator Dr. Stephan Berg in den Arbeiten des in München geborenen, mit Preisen und Stipendien ausgezeichneten Berliner Künstlers. Laut, wie er selbst meint, ist die Arbeit am Backeltrog eigentlich nicht. Eher spricht sie in ruhigen Tönen - für den, der zuhören kann.
Das Pffinder-Projekt läuft noch bis zum 27. September. Öffentliche Führungen starten jeden Sonnabend um 15 Uhr an der Seminarturnhalle. Die Teilnahme kostet 5 Euro. Führungen können unter 0 41 41/ 40 91 40 gebucht werden. Das TAGEBLATT wird weiter über das Projekt und die Künstler informieren.

www.pfartfinder.de

30.07.2009



Menschen reden vom Glück

Der Künstler Hermann Kleinknecht hat sich in Stade umgehört - Videofilm im Kunsthaus zu sehen

Von Sigrid Quäker
Stade. Wenn der Schein nicht trügt, kommt Glück in der Kunst zu kurz. Dabei ist es - so die Verantwortlichen des Stader "Pfartfinder"-Kunstprojekts - ein Thema, "das jeden angeht". Der Berliner Bildhauer, Zeichner und Filmer Hermann Kleinknecht (66) hat sich wohl deshalb als "Pfartfinder"-Künstler des Glücks der Stader angenommen. Sein Videofilm beschert im Kunsthaus am Wasser West 25 bedenkenswerte, auch vergnügliche Minuten.

Kinder, Jugendliche, Erwachsene aller Alterstufen, bekannte und weniger bekannte Menschen lässt Kleinknecht zu Wort kommen. Vom allerkleinsten bis zum Leben umfassenden Glück spannt sich in dem Film der Bogen, vom Genießen des Augenblicks bis zum Glück, das noch in den Sternen steht, vom schlichten Genuss im Hier und Jetzt bis zur Glückssuche im Religiösen.
Mittendrin auch dies: "Ich kann noch nicht sagen, was es ist, ich arbeite aber darauf hin", sagt ein junges Mädchen. Und jenes: "Ich glaube, es gibt kein Glück". Oder: "Es ist ein Zustand, nicht definierbar". Oder auch: "Hier", sagt der Mann am Kneipentresen und hält ein Schnapsglas ins Auge des Camcorders. Kaum weniger kurz angebunden reagiert auf die Frage nach dem Glück auch ein anderer: "Das Leben ist nicht leicht - das war's". Also genug davon. Zumal die Mehrheit der Befragten glücklicherweise Beglückenderes zum Glück zu sagen wusste.
Was Glück ist? "Jeden Morgen aufstehen und losgehen können", "jeden Tag als etwas besonderes genießen", "dem Leben mit einem Lächeln entgegensehen", "Neugierig bleiben zu können"...
"Meine beiden Kinder und dass ich eine Arbeit habe, die mir Spaß macht", benennt eine junge Mutter die Gründe ihres Glücks. "Ich freue mich, dass ich bei meinen Kindern sein kann", sagt eine 82-Jährige.
Für einen muslimischen Mitbürger ist Glück "das größte Geschenk Gottes". Ein Pfarrer ist der gleichen Meinung. Der Moslem benennt auch, was aus seiner Sicht ins Unglück führt: "Wenn man falsche Wege geht."
Noch keine Ahnung vom großen Glück und Unglück haben zwei Schuljungen: "Glück ist, wenn ich keine Hausaufgaben machen muss und mit meinen Freunden spielen kann", sagt der eine. "Und wenn gutes Wetter ist", ergänzt der andere. Zurück zur Kunst. Die ist für den "Pfartfinder"-Künstler und - Kurator Mathias Weber das größte Glück. Sein gleichnamiger Neffe, mit dem er sich zum Künstlerduo Weber & Weber zusammengeschlossen hat, will neben der Kunst auch Basketball und seine Familie in seinem Begriff von Glück verankern. Sein Onkel interveniert: Die Kunst kommt ihm beim Junior zu wenig "euphorisch" weg. Folgt noch ein kleines Hin und Her, der Neffe gibt nach, beklagt dann aber einen "total gesteuerten Dialog".
Die beiden sollten besser noch ein bisschen weiterstreiten. Oder Glückskunst produzieren. Wie Kleinknecht. Für einen der von ihm Befragten ist Glück, "dass ich Sie kennengelernt habe, Herr Kleinknecht". Eine weitere Arbeit von ihm überrascht im Johannisklosterhof.
Das Pfartfinder-Projekt läuft noch bis zum 27. September. Öffentliche Führungen starten sonnabends um 15 Uhr in der Seminarturnhalle. Die Teilnahme kostet 5 Euro. Führungen können bei der Tourist-Information am Hafen, 0 41 41/40 91 40 gebucht werden. Das TAGEBLATT informiert in loser über das Projekt und die Künstler.

06.08.2009