Klaus Simon

Denken oder Laufen lassen?

1962 war in Gaubüttelbrunn, im Steinbruch dort ein Bildhauersymposion. Karl Prantl hatte Bildhauer aus Osteuropa eingeladen, die nun zusammen mit Bildhauern aus dem Westen arbeiteten. Ihre Idee in gemeinschaftlicher Arbeit die Trennung durch den eisernen Vorhang mit der Skulptur zu durchbrechen. Ich war zusammen mit meinem Bruder in den Ferien bei der Tante. Jeden Tag holten wir für die Bildhauer in Milchkannen Schnaps aus der Dorfbrennerei und trugen ihn wie die Bacchanten im Gastmahl von Platon in den Steinbruch. Aufgeregte Diskussion, die Mauer wurde gerade in Berlin gebaut. Nachdem die Bildhauer ihre Skulpturen vollendet hatten, gingen sie gemeinsam nach Berlin und richteten vor dem Reichstag ein zweites Symposion aus.
„Zuerst müsst ihr die menschliche Natur erkennen und ihre Leiden.“ (Platon, Das Gastmahl)

Bildhauersymposien sind heute zu Lückenbüßern der Fußgängerzonen in den Einkaufsghettos verkommen.

Die Fragen aus dem Gastmahl von damals stellen sich völlig neu.

Vor den Toren Stades füttert die Hightech-Industrie die Abfallcontainer. Dort findet Matthias Lanfer die in Plastik gegossenen Netzwerke. Sieben oder acht Lagen von Schaltkreisen auf der Platine. Feindraht der Rioja-Flaschen wandelt sich in den Händen von Matthias Weber und Matthias Weber zu Vierbeinern. Bei unserem abendlichen Gelage wanderten sie auf die Schaltkreise. Trojanische Pferde besetzen die verworfenen Netzwerke.

Foto, Klaus Simon, 2009

Ein spannender Beginn für ein Symposion.
Also denken und frei laufen lassen!